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spaziergang durch Schnakeinen 1944

Ein dorf und seine Bewohner

Erikas Dorfskizze von Schnakeinen. Neu- und Hochschnakeinen sowie Hof Hennig lagen weiter ab vom Dorf.
Erikas Dorfskizze von Schnakeinen. Neu- und Hochschnakeinen sowie Hof Hennig lagen weiter ab vom Dorf.

Erika Hanff, geb. Dauter hat ihre ersten zehn Lebensjahre in Schnakeinen verbracht. Später schrieb sie Gedichte und Erzählungen über das kleine Dörfchen, seine Bewohner und deren Eigenarten und Bräuche. Sie wurden im Pr. Eylauer Kreisblatt veröffentlicht.

Die Erzählung "Spaziergang durch Ostpreußen" las ich in der Ausgabe des Blattes von 2000.

Mir kam der Familienname vertraut vor und ich nahm zu ihr Kontakt nach Köln auf. Unsere ostpreußische Familie war durch durch Krieg und Flucht zerrissen und mir nur durch Erzählungen bekannt. Wir stellten fest, das ihre Mutter meine Tante war. Lotte Baß heiratete 1938 meinen Onkel Gustav Thiel. Sie brachte die Zwillinge Erika und Ulla in die Ehe. Wir waren Cousinen im weiteren Sinne. Erika wohnte beim Vater und den Großeltern Dauter in Schnakeinen. Dort beginnt der Spaziergang...

 

"Der Spaziergang" eignet sich sehr gut, um ihn mit Fotos und Karten zu ergänzen. Neben der von Erika angefertigten Dorfskisse fand ich noch einen weiteren Dorfplan. Er orientiert sich nummerisch an der Schnakeiner Einwohnerliste. So können auch die Bewohner genannt werden, derer Erika sich nicht mehr erinnern konnte.

 

Tante Lottes Zwillinge Ulla und Erika... oder umgekehrt? Wir werden es herausfinden, denn die eine kommt nach dem Vater und die andere ist der Mutter sehr ähnlich.
Tante Lottes Zwillinge Ulla und Erika... oder umgekehrt? Wir werden es herausfinden, denn die eine kommt nach dem Vater und die andere ist der Mutter sehr ähnlich.

Erika im Rentenalter
Erika im Rentenalter

 

Heute, im Rentenalter, übt der Name dieses kleinen natangischen Dorfes im Kreis Pr. Eylau einen ganz besonderen Zauber auf mich aus. Das Örtchen, das vor über einem halben Jahrhundert, 10 junge Jahre lang meine Heimat war.

Nach der Vertreibung 1945 war es zunächst in den Hintergrund gedrängt worden. Man wollte vergessen! Vergessen Not, Elend und Strapazen der Flucht. Außerdem erforderte die Integration in einen neuen Lebensraum im Westen alle Kraft und Aufmerksamkeit.

Nach den Sturm- und Drangjahren wurde bei Familienzusammenkünften zunehmend "Ostpreußen" wieder Gesprächsthema Nr. 1! Man kramte in Erinnerungen, schmunzelte über Ausdrücke, amüsierte sich über die mundartliche Bezeichnung unseres Dörfchens. Wir sagten statt Schnakeinen "Schlekeinge"!

Nach dem fünfzigsten Lebensjahr meldeten sich verstärkt die Wurzeln der Kindheit und verlangten ausgebuddelt zu werden. Mir persönlich genügte das Ausgraben allein nicht. Ich überlegte, wo die Kindheitserinnerungen aufbewahrt werden könnten, damit sie nicht in eine Ritz schorren und wieder in Vergessenheit geraten. So kam ich auf die Idee, dem Papier Begebenheiten und Vorkommnisse aus jener Zeit anzuvertrauen und begann, kleine Geschichten zu schreiben. Angefangen mit einem Fluchtbericht, bis zum heutigen "Spaziergang durch Schnakeinen".

Nur kann ich nicht garantieren, dass alle Angaben über die Bewohner unserer Ortschaft mit Sicherheit richtig sind. Es ist so lange her und ich habe fast niemanden mehr, der sich mit erinnern kann. Ich beginne mit ein paar geschichtlichen Daten, die ich unserem Pr. Eylauer Kreisbuch entnommen habe.

 

Schnakeinen war ein altes prußisches Dorf mit dem Namen "Snokayn", das später das deutsche "königliche Dorf" Schnakeinen. wurde. 1843 wurden die beiden Abbauten Neu- und Hochschnakeinen errichtet.

Ein Professor Heydeck entdeckte bei einem Grabfund 1892 in Hochschnakeinen allerlei Geräte aus dem dritten und vierten Jahrhundert nach Christi. Dabei handelte es sich um Schmuck, Waffen, Werkzeuge, Haushaltsgeräte und Pferdegeschirr.

1939 gehörte der Ort zum Amtsbezirk Moritten und zum Kirchspiel Kreuzburg. Er war 456,7 ha groß und hatte 234 Einwohner. Bürgermeister war Herr Kollien.

Landschaftlich gesehen hatte das Dörfchen eine ausgezeichnete Lage. Es grenzte nordöstlich an einen Ausläufer des Kreuzburger Stadtgrunds, durch den ein munteres, kristallklares Bächlein, der Keygster, floss. Dieses hurtig dahineilende Flüsschen ent-springt in der Dinge und fließt über Moritten, durch Schnakeinen, den Stadtgrund um Kreuzburg herum und mündet dort in den Pasmar.

 

 

 

Der Keygster durchfliesst das Dorf. Über ihn führt eine Brücke und er unterläuft eine Straße.
Der Keygster durchfliesst das Dorf. Über ihn führt eine Brücke und er unterläuft eine Straße.

Für uns Kinder war das schluchtenreiche Tal des Gewässers zu jeder Jahreszeit der ideale Abenteuerspielplatz. Wenn ich zurückdenke, was wir dort alles berissen haben! Aber auch seine Schönheiten sind unseren Augen nicht entgangen. Im Frühling die blauen Teppiche aus Leberblümchen und gelben Sternblumen. Im Sommer das schattenspendende Grün der üppigen Vegetation, welches dem fröhlichen Vogelvölkchen ein sicheres Zuhause bot.

Oder die Einladung des Baches, wenn das Sonnche zu sehr prickelte, zu einem erfrischenden Bad. Manch vorwitziger Krebs bezahlte seine Neugier mit dem Leben. Er entging den geschickte Händen der Lorbasse (freche Jungs) nicht und landete in Muttchens Kochtopf! Im Winter der tief verschneite, geheimnisvoll in tiefster Stille liegende, verzauberte Märchenwald, der vor meinem geistigen Auge immer noch Bestand hat. Auch hier bot sich der Keygster uns Kindern zum Zeitvertreib an. Fror es Stein und Bein, bedeckte ihn eine Eisschicht und lud zum Schorren ein.

Keygster im Winter
Keygster im Winter

 Im Süden des Ortes begann nach Müllers Grund, in dem wir Bucheckern für unser Poschachen (Schweine) sammelten, der Staatsforst, die Dinge! Mit Omchen durchquerte ich ihn oft, wenn wir zu Fuß Verwandte in Bombitten besuchten.

 

Da geschah es einmal, dass wir einem ausgewachsenen Elch gegenüber standen. Wir starrten uns gegenseitig abschätzend an. Sein Interesse an uns schien nicht sonderlich groß zu sein, nach ein paar bangen Schrecksekunden unsererseits trollte sich der mächtige Schaufler. Aber auch sonst war dieser Wald immer einen Aufenthalt wert. Im Winter galt er verbotenerweise als Weihnachtsbaumlieferant. Im Sommer lieferte er in verschwenderischer Hülle und Fülle, Blaubeeren, Himbeeren und Brombeeren, im Herbst Steinpilze, Gelböhren usw. An die Dinge schloss sich im Süden der Stablack an, auf dessen Höhen Wintersportler ihrem Hobby frönen konnten. Wir Kinder begnügten uns mit den hiesigen Gegebenheiten.

 

Der Dinge Forst den Erika beschreibt, lag unterhalb des Abbau Hoch-Schnakeinen. Hier entspringt der Keygster-Fluß.Von hieraus ging sie auf Verwandtschaftsbesuch nach Bombitten. Aus dem Ort Nonnenhausen, oberhalb Bombittens, stammte ihr Großvater mütterlicherseits, August Baß. De ole Baß kam viel rum und war gesegnet mit Kindern. Tante Lotte, geb. Baß (Erikas Mutter) wurde in Gr. Labehnen geboren. Sie landete dann aber mit den Eltern in Kobbelbude/Kreis Königsberg, Kirchspiel Mahnsfeld. Hier heiratete sie Onkel Gustav Thiel, der schon seit 1936 zum Militär eingezogen wurde und vor Kriegsbeginn auf dem Truppenübungsplatz Stablack eingesetzt war. August Baß war hochherrschaftlicher Kutscher von Caspari in Kobbelbude. Er und seine Frau Auguste gingen nicht auf die Flucht. Vielleicht hoffte man, der Russe käme wie auch im ersten Weltkrieg, nicht in die Region. August und seine Frau Auguste, geb. Holzki sollen hochbetagt nach 1945 in Kobbelbude verhungert sein. Lotte flüchtete über Braunsberg mit zwei Töchtern in einem Militärfahrzeug der Wehrmacht. Erika kam mit den Großeltern Dauter aus Schnakeinen heraus. Wie genau diese ablief, entnehmen wir ihrem Fluchtbericht.

 

Unsere nächsten Ortsnachbarn waren im Norden Kreuzburg, östlich Kissitten, Porschkeim, im Süden Moritten und westlich gelegen Labehnen.

 

 

Kam man von Porschkeim her auf das Dorf zu; war auf der linken Seite zuerst der "Ziegenmarkt" zu sehen. Ein Insthaus des Bauern Müller [1] von Hoch-Schnakeinen. Es bot vier Familien Wohnraum. Heske, Lipkowski, meinen Großeltern Dauter und mir. Die vierte Wohnung diente in den letzten Kriegsjahren als Gefangenenlager. Zum Haus gehörte beidseitig ein Stück Gartenland, damit sich jede Familie mit Obst und Gemüse versorgen konnte. Der Brunnen, einige Meter vor dem Haus, lieferte frisches Wasser. Auch ein Stall neben der Giebelseite des Wohngebäudes war vorhanden, wo das Poschachen und anderes Kleinviehzeug untergebracht waren. Andere Leutehäuser waren ähnlich mit Gärten und Stallungen angelegt, zwecks allgemeiner Selbstversorgung ihrer Bewohner.

Hinter unserem Haus konnte man auf einem Feldweg nach ca. einem Kilometer Hoch-Schnakeinen erreichen. Der bestand aus den Landwirten Müller [2] und Podehl [3] mit dazugehörigen Arbeiterwohnungen, von dessen Bewohnern ich nur Held und Lorenz nennen kann.

Bewohner der Häuser 1-3
Bewohner der Häuser 1-3

Zurück zum Dorf schloss sich an den "Ziegenmarkt" das Schulgebäude [4] an, mit Schulhof und -garten und einem weiß getünchten Bau, die zweiklassige Lehranstalt selbst. Mit ihr verbunden rechts daneben das Lehrerwohnhaus [4]. Unser Kreisbuch sagt aus, dass unsere Penne seit etwa 1820 eine Volksschule war. Ich erinnere mich an Lehrpersonen mit Namen Lange, Krüger, Kruck und Teller.

 

Der betagte Lehrer Hundermark (in der Einwohnerliste wird Paul Hundertmark als Bewohner geführt) kam manchmal aus Kreuzburg zur Inspektion. Mitschüler kamen aus Kissitten, Porschkeim und Labehnen, was zur strengen Winterszeit manchmal fast unmöglich war.

 

 

 

Schule Schnakeinen

Die Schnakeiner Schule war Zweiklassig. Sie stellte auch einen kulturellen Treffpunkt für die Einwohner dar. Zugleich befand sich im Gebäude die Lehrerwohnung.
Die Schnakeiner Schule war Zweiklassig. Sie stellte auch einen kulturellen Treffpunkt für die Einwohner dar. Zugleich befand sich im Gebäude die Lehrerwohnung.

Dem Schulgebäude gegenüber ein Haus Venohr, das die Familien Rockel, Aust und Dreier beherbergte. Dazwischen die Auffahrt zu den Anwesen der Bauern Venohr und Schott. Hinter den Höfen erstreckte sich weites Weideland, wo wir im Herbst körbeweise Champignons gesammelt haben. Eingerahmt von saftigem Grün lockte uns Kinder zur Sommerzeit ein kleiner Viehtränketeich mit Badevergnügen, was nicht ganz ungefährlich war.

 

Der Herr der Rinderherde, ein stolzer Bulle, sah in uns wohl Störenfriede. Mit gesenktem Kopf, wutschnaubend mit den Hufen scharrend, stellte er seinen Unmut zur Schau. Dann wurde es höchste Zeit Reißaus zu nehmen. Oft im letzten Augenblick erreichte mancher den rettenden Zaun, der auch nicht immer Sicherheit bot. Einmal passierte es, dass der rasende Koloss alle Zäune durchbrach und wir uns in letzter Minute in die Schule retten konnten. Da stand er nun mit rollenden, blutunterlaufenden Augen und war nicht bereit, freiwillig von seinen Opfern abzulassen. Er musste von Venohrs Leuten gewaltsam abgeführt werden. An der weiterführenden Straße, die übrigens nur als halbfest bezeichnet wird, kam in Folge ein Leutehaus Schott mit Bewohnern Arndt und Kirschnick.

 

 

 

Danach das Grundstück des Bauern Samland, hinter dessen Gehöft unser Keygster von Moritten kommend, unter schattigen Bäumen hurtig in Richtung Stadtgrund eilte, dabei die Straße unterquerend. Wieder folgte ein Haus Schott, in ihm waren die Familien Lück, Wölk und Folkmann zu Hause. Alle Gebäude waren eingebettet in blühende Gärten, umgeben von gackernden, nach Leckerbissen scharrenden Hühnern, einer fröhlich schnatternden Enten- oder Gänsebande. Manch Kätzchen rekelte sich faul im Sonnenschein auf einer Fensterbank und eine wachsame Promenadenmischung passte auf, dass alles seine Ordnung hatte. Nicht zu vergessen die lebhafte, immer zu Streichen aufgelegte Kinderschar, die den Ort erst richtig lebendig machte. Ja, eine wahrhaft dörfliche Idylle straßauf- und ab.

 

Sie setzte sich fort mit den Wohnhäusern von Schwermer und Albrecht. Herr Albrecht war von Beruf Maurer. Nachdem der alte Herr Schwermer verstorben war, wohnte in seinem Haus eine Familie Matar. Im Anschluss führte ein Weg nach Moritten, hinter dem eine Scheune stand, auf der Freund Adebar alljährlich seinen Nachwuchs aufzog. Diese Scheune bildete den Ortsschluss. An ihr vorbei ging es nach Labehnen, wo man nach ca. 500m rechts zum Abbau Neu-Schnakeinen einbog. Das große Gehöft wurde von der Familie Nachtigall bewirtschaftet, dazu gehörten zwei Deputat-Häuser. (Wohnsitz von Arbeitern).

 

Ich kehre um und komme zu den Schnakeinern, welche die andere Seite der Straße bewohnten. Da war zunächst, etwa Maurer Albrecht gegenüber, der Altensitz Schott. Ihm folgte ein Zweifamilienhaus, welches einen Melker von Schott und Witwe Kühn mit Tochter beherbergte, dazu gehörig das nächste Gebäude, ein Stall. Nun begegne ich wieder unserem Flüsschen, das sich auf dieser Seite der Straße durch saftiges Wiesengrün und Ellerngebüsch, vor und hinter den nächsten Behausungen davonschlängelte.

 

Über einen Steg gelangte man zuerst zu den Heimen von Bechert und Zöllner. Herr Bechert war unser Uhrmachermeister. Herr Zöllner arbeitete, wie auch mein Opachen, Herr Rolfs und sicher noch andere Männer zu der Zeit, bei der "Muna", einer Munitionsfabrik im Stablack. Bei Frau Zöllner war ich mit Oma oft zu Gast, wenn dort Andachten gehalten wurden. Es handelte sich dabei um eine evangelische Glaubensgemeinschaft, die "Blaukreuzer", wenn ich mich richtig erinnere. Da die Kreuzburger Kirche ca. 3-4 km Fußweg entfernt war, bot diese Einrichtung eine willkommene Alternative.

 

Noch weiter von der Straße entfernt, im Sommer verborgen hinter schattigem Grün, nun als Nächster Schneider Stiemert und Wohnhaus Rolfs. Ich weiß nicht recht, ob mein Gedächtnis mich richtig informiert, aber ich glaube, dass einer der zuletzt genannten Personen Bienenstöcke besaß und Honig verkaufte.

 

Wieder an der Straße gelegen, folgte die Schmiede Kühn. Unmittelbar daneben wohnten Veit und Preuß. Frau Martha Preuß, geb. Kinder, war eine Jugendfreundin meiner Tante.

 

 

 

Danach erstreckte sich zum Keygster abfallend eine Weide, die uns Kindern im Winter eine gute Rodelgelegenheit bot. Wir sind an der Kreuzung angelangt, wenn man sie so nennen kann. Geradeaus nach Porschkeim, rechts die Auffahrt Schott, Venohr und links, etwas abwärts führend, eine Straße oder Weg, der hinter der Flussbrücke wieder ansteigend weiter zwischen Wiesen und Feldern durch eine "Krengel" zur Talmulde im Stadtgrund nach Kreuzburg führte. Ich bin diese Strecke im Sommer sehr oft gegangen, wenn Oma mich nach Buttermilch ins Städtchen schickte.

 

Zur Kreuzung also! Etwas schräg zu ihr stehend noch ein Arbeiterhaus Venohr, von Alisch und Rund bewohnt. Gegenüber begann das Grundstück mit dem großen Garten des Bauern Hartwig. Die Auffahrt zum Hof war vis a vis der Schule. Dort habe ich einst Rad fahren gelernt und mir dabei auf dem steinigen Weg nicht nur einmal die Knie aufgeschlagen. Die Scheune des Anwesens zierte ein Storchennest, dessen Bewohner wir jedes Frühjahr mit dein Lied begrüssten: "Storch, Storch Bester, bring mi doch e Schwester."

 

Auch bei Venohrs waren unsere Frühlingsboten zu finden. Zu erwähnen wäre noch mein täglicher Gang zum Milch holen. Im Winter warteten wir Kinder in Hartwigs warmen Kuhstall auf den Ausschank des kuhwarmen, dampfenden Getränks. Die Milch musste zuerst durch ein Sieb! laufen, wo sie von Schmutzpartikeln getrennt wurde. Dann erst konnten unsere Kannen gefüllt werden. Im Sommer wurde diese Köstlichkeit vor dem Wohnhaus ausgeschenkt. Direkt nach unserem Milchverkäufer sein Insthaus. In ihm lebten die Familien Kinder, Bachert und Wiechert. Bei Wiecherts war mein zweites Zuhause und Tochter Elsbeth meine beste Freundin, mit der ich heute noch einen regen Briefwechsel führe.

 

 

 

Am Haus vorbei, kam man über eine Wiese zum nahen Bauernfriedhof. Ein Besuch dorthin gehörte zum Sonntagsspaziergang mit Oma, von dem ich nicht immer begeistert war. Rechts neben dem Gottesacker ein weiterer Rodelberg und an seinem Ende das Flussbett sowie der Anfang unseres geliebten "Grundes". Weiter rechts, etwas zurück, erstreckten sich Hartwigs Viehweiden, mit einem Teich, der im Winter herrliche Schorrbahnen lieferte.

 

Ich gehe wieder zurück zur Kreuzung. Da folgte nach Leutehaus Venohr, auf der linken Seite des Weges, unser Krug Hennig mit "Einkaufscenter". Was man dort im Einzelnen kaufen konnte, weiß ich heute nicht mehr. Manchmal musste ich "Muschkebad" (Streuzucker) holen und für einen halben Dittchen ungefähr erstand ich eine Wundertüte, in der wahre Schätze steckten. Besonders selig war ich, wenn ein kleiner Blechring mit einem bunten Glasstein zum Vorschein kam. Zum Krug gehörte auch ein Saal, wo ausgiebig Feste gefeiert wurden. Ich nähere mich dem dritten Ausgang unseres Dorfes und somit auch dem Ende meines Spazierganges.

 

Nach dem Wirtshaus kreuzt der Keygster wieder meinen Weg, der jetzt etwas ansteigt. Links gelegen nun der Armenfriedhof, hinter dem sommer's auf dem nachfolgenden Feld eine Vogelscheuche stand. Zusammen mit Gräbern und Kreuzen für uns Kinder ein irgendwie unheimlicher Anblick.

 

Im Winter ließen wir uns allerdings die nebenan liegende Rodelgelegenheit durch nichts verderben. Gegenüber stand das Arbeiterhaus Kollien mit Heske, Kinder und Thiel. Zum Schluss die Auffahrt zum Bürgermeister und Landwirt Kollien mit Familie.

Etwas weiter entfernt auf der gleichen Seite gab es noch einen Hof Hennig, der auch zu Schnakeinen gehörte.

 

Wenn ich meine Zeilen überfliege, muss ich feststellen, dass aus dem geplanten Spaziergang fast eine Liebeserklärung geworden ist - eine Liebeserklärung an ein zauberhaftes Stückchen Kindheit, das es so nicht mehr gibt. Von Freunden, die dieses verlorene Paradies vor ein paar Jahren besucht haben, erhielt ich Fotos, die zeigten, was die Besucher erzählten: Wildnis, Wildnis, immer wieder Wildnis und ein paar klägliche Ziegelsteinreste, die von einstigen Gebäuden zeugten. Einige Gräser und Feldblumen aus dieser Einöde zieren seitdem meine Vase und etwas Erde ein buntes Glas. Das ist alles, was mir von meinem geliebten Schnakeinen geblieben ist. - Aber in meinem Herzen lebt es weiter wie es einmal war, mit diesem „Spaziergang"!

 

 

 

Erika Hanff, geb. Dauter, Schnakeinen

Die Wiechert Geschwister Elsbeth und Fritz 1992 beim Spaziergang durch ihr Heimatdorf. Sie fanden nichts aus Kindertagen wieder. Rechts, das Kreuz zeigt die Ruinen des ehemaligen Gasthaus Hennig.